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Soja? So nicht! – Das Märchen vom chinesischen Prinzen und der Zauberbohne

Februar 5, 2013 in Wissenswertes & Geschichte von Mia Paulsen

Sojamilch – früher nur hie und da im Reformhaus zu kriegen, heute sogar in den Regalen der Discounter. Und überall liest man, wie wunderbar gesund dieses traditionsreiche Getränk doch sei. Hätten sich doch die alten Chinesen schon seit Jahrtausenden von Sojamilch ernährt, und – so sagt man – die Gesundheit der Asiaten sei ja geradezu sprichwörtlich.

Wikimedia Commons

Auch hört man immer wieder die rührende Geschichte vom chinesischen Prinzen, der die Sojamilch erfunden haben soll:

GänsefüsschenEs war einmal ein chinesischer Prinz, der seiner kranken Mutter ein nahrhaftes Gericht bringen lies. Leider konnte die alte Dame nicht mehr kauen und deshalb das Mahl nicht genießen. So erfand der kluge Prinz köstliche Sojamilch, und gab sie seiner glücklichen Mutter zu trinken. Und da ...

Halt! Stopp! Köstliche Sojamilch? Pur? Ernsthaft? örgs

Sojabohnen enthalten so viele Bitterstoffe, dass eine Sojamilch, anders als die aromatische Mandelmilch bei selber Herstellungweise furchtbar bitter und keinesfalls köstlich schmeckt. Kann ein kluger Prinz so etwas wirklich seiner Mutter gegeben haben? Schauen wir einmal, was die Historiker dazu sagen:

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In dieser Geschichte geht es tatsächlich um einen echten Prinzen, Liu An, Prinz von Huainan, der 180-122 vor Christus lebte. Ein tatsächlich bedeutender Mann: der Onkel und Lehrer des berühmtesten Kaisers der Han Dynastie in China, Hàn Wǔdì. Und auch Prinz Liu An selbst  war ein einflussreicher Philosoph, dessen Schriften und Lehren bis in die heutige Zeit hineinreichen:

Prinz Liu Ans Hof war ein angesehenes Zentrum der Wissenschaft und Künste, Gelehrte aus allen Teilen des Landes reisten an, um dem Prinzen neue wissenschaftliche und philosophische Erkenntnisse zu präsentieren. Tief beeindruckt von den geistigen Schätzen seiner Kultur berief er Meister der Schreibkunst zusammen, um all dies bei Hofe zu sammeln und aufzuschreiben. Dieses Werk, auf dessen Inhalten sich der Daoismus gründete und das stark von der 5-Elemente-Lehre, die die Grundlage der Traditionellen Chinesischen Medizin bildet, beeinflusst ist, ging unter dem Namen „Huainanzi“ in die Geschichte der Philosophie und Wissenschaft ein und wirkt bis heute nach.

Aber auch wer es weniger philosophisch mag, wird eine sehr berühmte Erfindung des weisen Prinzen auf jeden Fall kennen – das Tai-Chi, auch chinesisches Schattenboxen genannt – stammt aus Prinz Liu Ans Wissensfabrik.

Nichts als die reine Milch?

So viele Aufzeichnungen vom und über den Prinzen, aber in keiner wird die Geschichte der sojamilchtrinkenden Mutter belegt. Wie wahrscheinlich ist es dann überhaupt anzunehmen, ein so kluger und gelehrter Mann habe seiner Mutter einen Trunk aus bitter schmeckenden Bohnen serviert, weil sie nicht mehr kauen konnte? Hätte ihm nicht etwas Wohlschmeckenderes einfallen können? Denn dass die unbehandelten und gemahlenen Bohnen nicht besonders schmackhaft und bekömmlich sind, wussten die alten Chinesen schon viel länger, weshalb sie Sojabohnen fermentierten, bevor sie gegessen wurden.

So wurden bereits traditionsreich Tofu und andere fermentierte Sojaprodukte hergestellt. Schon zu Zeiten Liu Ans pflegten daoistische Mönche alchimistische Methoden, in denen Tofu als Medizin für ewiges Leben eine feste Rolle spielte. Hier könnte die Wurzel für die Legende der Speisung der kranken Mutter liegen. Jedoch – wie so oft bei mündlich übertragenen Legenden – ist hier eine Sinnverschiebung denkbar. Sojamilch als Produktionsschritt bei der Tofuherstellung, nicht als eigenständiges Lebensmittel.

Die früheste schriftliche Erwähnung zur Sojamilch schrieb der Philosoph Wang Chong übrigens erst knapp 200 Jahre später in seinem Werk Lun-Hêng. Dort lesen wir die Geschichte vom Tofumacher, der Angst hat, ein Gewitter könne seine Sojamilch verderben. Auch aus der westlichen Kultur der Käseherstellung ist die verderbliche Wirkung von Gewitter auf die frisch angesetzten Milchkulturen überliefert. Auch hier liegt die Annahme nahe, bei der Erwähnung der Soja„milch“ auf einen direkten Zusammenhang zum Fermentationsprozess der Tofuherstellung zu schließen.

Und wieso schmeckt die Sojamilch aus dem Supermarkt dann überhaupt nicht bitter?

Ganz einfach – ihr wurde eine Menge Zucker zugesetzt und andere Bestandteile chemisch entzogen. In Japan standen die ersten Sojamilch-Getränke erst Anfang der 1970er Jahre in den Regalen. Von einem gesunden Naturprodukt kann also keine Rede sein, von einem traditionsreichen erst recht nicht!

Liebe Grüße Yahoo! Emoticon Mia

PS Danke an Veronika Bärenfänger für die die Unterstützung beim Durchwühlen der chinesischen Historie 🙂

2 Gedanken in “Soja? So nicht! – Das Märchen vom chinesischen Prinzen und der Zauberbohne

  1. Dö Ris sagt:

    sehr interessant mal wieder ! herzlichen dank 🙂

  2. […] Leider werden durch das Wässern und Kochen nur geringe Mengen der Schadstoffe zerstört! Eine bessere Abhilfe gegen die unerwünschten  Soja-Bestandteile liefert da schon das Fermentieren wie es z.B. bei Sojasauce oder auch bei Tofu durchgeführt wird. Das sind übrigens auch die einzige Art an Sojaprodukten, die im asiatischen Raum konsumiert werden: oftmals wird das hohe, gesunde Alter der Asiaten ja auf deren hohen Sojakonsum zurückgeführt. Tatsächlich wird seit Jahrtausenden Soja nur gekeimt – der Keimvorgang zerstört auch einige Scha…. […]

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