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Top oder Flop – Seven Up and down

Stör mir nicht mein Gleichgewicht

Jede organische Flüssigkeit hat einen bestimmten pH-Wert, so ist es auch im menschlichen Körper. Blut und Cytosol, die Zellflüssigkeit, in der die meisten der für uns wichtigen Stoffwechselvorgänge ablaufen, müssen einen bestimmten pH-Wert haben, um funktionieren zu können. Dieser liegt beim arteriellen Blut zwischen 7,35-7,45.

Aber auch andere Körperflüssigkeiten haben einen idealen pH-Wert. So sorgen Milchsäurebakterien im Vaginalsekret für ein saures Milieu, während männliches Sperma basisch ist. Treffen beide Flüssigkeiten zusammen, kommt es zur oben beschriebenen Neutralisationsreaktion, die eine Umgebung schafft, in der sich die Samenzellen optimal fortbewegen können.

Um so wichtiger, dass dieses Gleichgewicht nicht gestört wird. Aber wie funktioniert das?

Aus physiologischer Sicht regelt der Körper das Gleichgewicht von Säuren und Basen über Niere und Lunge. Überschüssige Säuren werden über den Urin ausgeschieden oder über die Atemluft abgeatmet. Ausgeklügelte Puffersysteme halten den pH-Wert im Körper konstant; das ist auch nötig, denn der Stoffwechsel produziert ständig Säuren, auch ohne die Zufuhr von Nahrung. Und auch die basische oder saure Wirkung der aufgenommenen Nahrung wird durch dieses Puffersystem reguliert.

Im Blut gibt es vier Puffersysteme. In absteigender Pufferkapazität sind es das Bicarbonat-Puffersystem, das Hämoglobin in den roten Blutkörperchen, das Proteinat-Puffersystem und der Phosphat-Puffer. All diesen gemeinsam ist, dass eine schwache Säure und ihre korrespondierende Base nebeneinander in Lösung vorliegen. Es werden offene und geschlossene Puffersysteme unterschieden. In offenen Puffersystemen kann eine Komponente des korrespondierenden Säure-Base-Paars unabhängig vom pH-Wert konstant gehalten werden, wodurch die Pufferkapazität steigt. Der Bicarbonat-Puffer ist das wichtigste offene Puffersystem. Bei geschlossenen Puffersystemen kann keiner der beiden Reaktionspartner aus dem System entweichen, wodurch die Summe ihrer Konzentrationen konstant bleibt.

Beim Menschen liegt ein gesunder pH-Wert zwischen 7,35 und 7,45. Gemessen wird der pH-Wert im Blut durch eine Blutgasanalyse. Eine erhöhte Säurenkonzentration im Urin sagt nichts über das Gleichgewicht von Säuren und Basen aus, es zeigt lediglich, dass das Puffersystem funktioniert und überschüssige Säuren ausgeschieden werden.

Was passiert, wenn der Säure-Basen-Haushalt ins Ungleichgewicht gerät?

Alles, was das feine Gleichgewicht zwischen Säuren und Basen im Körper stört, ist potentiell gefährlich. Eine Entgleisung des Säure-Basen-Haushalts des Blutes kann sogar tödlich verlaufen. Fällt der pH-Wert unter 7,35-7,45 ab, sprechen wir von Übersäuerung, eine Azidose liegt vor. Übersteigt der pH-Wert diesen Referenzbereich, sprechen wir von einer Alkalose oder Basenüberschuss. Beide Stoffwechselentgleisungen sind lebensbedrohliche Zustände, die immer intensivmedizinisch therapiert werden müssen. Dies kommt allerdings nur in Ausnahmezuständen vor.

Eine Azidose kann dadurch ausgelöst werden, dass nicht genügend Kohlendioxid abgeatmet wird, bei Lungenfunktionsstörungen oder Atemdepression, aber auch bei Patienten, die lange künstlich beatmet werden. Auch Stoffwechselerkrankungen können in eine Azidose führen. Bei absoluter Abwesenheit von Insulin und einem hohen Glucosespiegel im Blut kommt es zu einem Überschuss an Ketonkörpern im Blut, die in Verbindung mit einem Bicarbonatverlust einen Abfall des pH-Werts nach sich ziehen, weil sie durch den erhöhten Blutzuckerspiegel nicht verwertet werden können. Das geniale Energiegewinnungsprogramm der Evolution, die Ketolyse, ist gestört. Ursachen hierfür sind zum Beispiel Nierenschädigungen oder Alkoholismus.

Unbehandelte Übersäuerung führt zum Tod. Behandelt wird eine Azidose durch die Bekämpfung der Ursachen und durch die Gabe von Insulin. Bei Bedarf muss der Elektrolyt- und Flüssigkeitshaushalt ausgeglichen werden, bei Harnvergiftung wird eine Dialyse durchgeführt. Bei sehr schweren Formen der Azidose werden Puffersubstanzen wie Natriumhydrogencarbonat verabreicht. Dies muss immer unter klinischer Aufsicht geschehen, da es wiederum zu schweren Elektrolytentgleisungen führen kann und wird erst ab einem Blut-pH-Wert von über 7,1 angewandt.

Das Gegenteil davon ist ein Basenüberschuss, die Alkalose. Sie äußert sich zunächst durch Taubheitsgefühl oder Bewusstseinsstörungen, weiter durch Krämpfe, Muskelschwäche und Herzrhythmusstörungen und ist unbehandelt ab einem pH-Wert von 7,7 tödlich. Durch die Atmung verursachte Alkalosen treten gehäuft bei intensivmedizinisch betreuten Patienten auf und ist immer eine ernstzunehmende Komplikation, da sie auf eine Sepsis oder ein Lungenversagen hindeuten kann.

Stoffwechselbedingte Alkalosen werden in zwei Gruppen unterschieden: Additionsalkalosen und Subtraktionsalkalosen. Addition bedeutet “hinzufügen” und deshalb nennt man einen Basenüberschuss, der durch den übermäßigen Gebrauch von basisch wirkenden Pharmaka wie Natriumbicarbonat oder Citrat ausgelöst wird, Additionsalkalose. Subtraktion bedeutet “entziehen”, weshalb man Basenüberschuss ausgelöst durch einen Verlust an Säuren, zum Beispiel durch langanhaltendes Erbrechen, Durchfall oder Magendrainage, Subtraktionsalkalose nennt.

Seven up and down: Was ist der Säure-Basen-Haushalt – Seite 1
Seven up and down: Stör mir nicht mein Gleichgewicht! – Seite 2
Seven up and down: Übersäuerung und basische Ernährung – Seite 3
Seven up and down: Basische Ernährung unter der Lupe – Seite 4
Seven up and down: Unser Fazit! Seite 5


5 Kommentare zu „Top oder Flop – Seven Up and down

  1. Ab und zu heißt es ja von Verfechtern der basischen Ernährung, dass diese notwendig sei, um den Körper davor zu schützen, dass er seine Kalziumvorräte in den Knochen erschöpft (Osteoporose), um den Blut-pH-Wert konstant zu halten. In dem Review hier wird ja gut erklärt, warum das nicht so ist.
    „The dietary acid load hypothesis also postulates that increasing the urinary excretion of phosphate, considered as an ‘acidic’ ion, enhances UCa and contributes to the loss and fragility of bones with ageing( 59 , 88 , 89 ). In sharp contrast with this hypothesis but in full agreement with physiological notions on the phosphate–Ca interaction( 90 ), analysis of twelve human studies indicated that higher phosphate intakes were associated with decreased UCa and improved Ca balance( 91 ).“

    Hier auf Seite 20:
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3828631/#!po=57.3529

    Ehrlich gesagt verstehe ich noch nicht, wie die Säure-Basen-Spezis darauf kommen, also welches Missverständnis dieser Auffassung zugrunde liegt. Ihr?

    1. Update: Wenn ich das richtig verstanden habe in dem von mir verlinkten Artikel, geht das auf eine Reihe von Versuchen an nierenkranken Patienten zurück.

      Die haben bei nierenkranken Patienten eine Azidose hervorgerufen und dann festgestellt, dass die Kalziumausscheidung über den Urin stark ansteigt. Daraus haben sie dann geschlossen, dass die Niere über diesen Weg Kalzium entsorgt, das aus den Knochen kommt (bzw. das der Körper aus den Knochen gelöst hat, um die Säure zu neutralisieren). Später stellte sich dann raus, dass es andersrum ist und dass die erhöhte Kalziumausscheidung die Tatsache kompensiert, dass aufgrund der Azidose die Wiederaufnahme von Kalzium über die Nieren gehemmt war. Dieser Verlust von Kalzium wurde dann bei diesen nierenkranken Patienten wahrscheinlich auch teilweise durch die Demineralisierung von Knochen ausgeglichen. (im Folgenden wird von den Verfassern glaube ich die Schlussfolgerung gezogen, dass letzteres nur bei schwer nierenkranken Patienten passiert und dass bei gesunden Menschen in Wirklichkeit eine solche Demineralisierung nicht stattfindet… aber vielleicht wisst ihr ja dazu noch mehr.)

  2. Danke für dein Feedback 🙂 Ja, bei einem so komplexen Thema kommt man schnell vom Hundertsten ins Tausendste, wir mussten einiges Kürzen. Mir war vor allem wichtig, auf kritischen Aspekte der „basischen Ernährung“ einzugehen und den in letzter Zeit etwas inflationär verwendeten Begriff des Säure-Basen-Haushaltes wissenschaftlich zu beleuchten. Welche Aspekte haben dir gefehlt? Vielleicht kann da ein ganz eigener Artikel daraus werden.

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