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Top oder Flop – Seven Up and down

Die Empfehlungen für basische Ernährung unter der Lupe:

Süßigkeiten, Fleisch, Wurst, Eier, Fisch, Milchprodukte, Zucker, Weißmehl, Limonaden, Kaffee, Kakao, Alkohol, Zigaretten, Lebensmittelzusätze wie z. B. Konservierungsstoffe, Farbstoffe etc. und Medikamente aller Art sollen vermieden werden.

Dies klingt auf den ersten Blick nach einer guten Empfehlung und deckt sich mit dem, was gemeinhin als “gesund” empfunden wird – allerdings nur auf den ersten Blick. Dass Zucker, Mehl, Alkohol und Zigaretten der Gesundheit nicht förderlich sind, ist unbestritten. Ebenso wie künstliche Zusatzstoffe und Konservierungsmittel – dennoch hat es weißer Zucker auf die Liste der Neutralen Lebensmittel des IPEV Instituts für Prävention und Ernährung geschafft. Ein Widerspruch, der erst auf den zweiten Blick auffällt.

Allerdings ist die Vermeidung tierischer Nahrungsmittel aus ernährungsphysiologischer Sicht nicht empfehlenswert. Fleisch und Fisch liefern neben wertvollem Protein essentielle Fettsäuren, die wir nicht über pflanzliche Nahrung erhalten können. Eine fleischarme oder fleischlose Ernährung erfordert eine Supplementierung der fehlenden Stoffe, was allerdings nach dieser Empfehlung ebensowenig gewünscht ist. Hier droht eine Mangelernährung. Weiter gibt es keinen Grund, auf wertvolle Nahrungsmittel wie Kakao, Kaffee oder Molkereiprodukte zu verzichten.

Gemüse und Salate sind die Grundnahrungsmittel der basischen Ernährung, möglichst in Form von Rohkost oder nur kurz erhitzt. Gegarte Speisen gelten als säurebildend, Rohkost als basisch.

Dies ist ein sehr schlechter Rat!

Dazu zitiere ich der Einfachheit halber aus meinem Begleitbuch zum “Rebuild30”, unser Diagnostik- und Regenerationsprogramm für Darm und Stoffwechsel:

Rohe pflanzliche Nahrung hat eine geringere Bioverfügbarkeit als gekochte, außerdem führt sie oft zu Verdauungsbeschwerden und Blähungen. Diese werden durch die bakteriellen Zersetzungsprozesse im Darm ausgelöst, bei denen nicht nur organische Amine wie Ammoniak entstehen, sondern auch giftige Gärungsalkohole, die auf die meisten Menschen langfristig schädlich wirken.

Weiter enthalten viele, auch essbare, Pflanzenteile Toxine, giftige Abwehrstoffe, die die Pflanze vor Fraßfeinden schützen. Tiere meiden diese giftigen Pflanzenteile. Wir Menschen sind in der Lage, einige davon durch Denaturierung ungiftig und damit unschädlich machen.

Quelle: Rebuild30

Statt Zucker und Süßigkeiten sollen Früchte gegessen werden. In vielen Rezeptsammlungen werden vollreife Südfrüchte empfohlen. Ananas, Banane oder Mango gelten als ideale Basenspender.

Hier fallen zwei Probleme ins Auge. Zum einen der hohe Anteil an Fructose, der in diesen Früchten enthalten ist. Bei einer protein- und meist fettarmen Ernährung lässt die Fructose den Blutzuckerspiegel nach oben schnellen, die Folge sind Schwindel, Heißhungerattacken und Verdauungsbeschwerden. Außerdem schadet Fructose der Leber, sie wird genauso verstoffwechselt wie Alkohol und führt auch bei schlanken Menschen zu einer Fettleber. Unerwähnt sollte hier auch nicht der CO2-Fußabdruck bleiben, den vollreife Südfrüchte beim Einfliegen in unsere Breitengrade unweigerlich hinterlassen. Nicht regionales und saisonales Obst und Gemüse sollte immer die Ausnahme bleiben.

In vielen Empfehlungen werden Nüsse, Samen und Kerne als Ersatz für fehlende Proteinlieferanten genannt. Leinsamen, Sonnenblumenkerne, Kürbiskerne. Auch wird Pflanzenmilch wie Mandel- oder Sojamilch oder Käseersatz aus Nüssen und Sonnenblumenkernen empfohlen. Weizen oder Reis soll durch Quinoa oder Hirse ersetzt werden. Tierische Fette durch Rapsöl oder Distelöl.

Wer unseren Ansatz der individuellen humankompetenten Ernährung kennt, weiß, Nahrungsmittel durch Ersatzprodukte und Nachbauten auszutauschen, gehört nicht zur Ernährungsphilosophie von La Vida LoCa: Wertvollen Nahrungsmittel sollte der Stellenwert eingeräumt werden, der ihnen gebührt – nämlich die Hauptrolle in diesem Stück. Wertlose Nahrung sollte durch gar nichts ersetzt werden, weil das immer das Gefühl des Verzichts in sich birgt.

Aber auch ernährungsphysiologisch birgt diese Empfehlung Risiken. Nüsse und Saaten enthalten hauptsächlich ungesättigte Fettsäuren, die als Entzündungsförderer gelten, daher sollten sie nicht als alleinige Fettlieferanten genutzt werden. Das Verhältnis von Omega-3-Fettsäuren zu Omega-6-Fettsäuren sollte ausgeglichen sein. Bei einer Ernährung, die keine weiteren ausgleichenden Fette aus Fleisch, Milch oder Ei beinhaltet, stellt das Überangebot an ungesättigten pflanzlichen Fettsäuren jedoch ein Gesundheitsrisiko dar.

Als perfekte basische Nahrungsmittel gelten Kartoffeln, Sojaprodukte und Lupinen werden als Proteinspender empfohlen. Diese Nahrungsmittel sollen unbegrenzt gegessen werden.

Abgesehen vom hohen Stärkegehalt der Kartoffeln und ihrer ungünstigen Auswirkung auf den Blutzuckerspiegel enthalten Kartoffeln neben Lektinen das Glykoalkaloid α-Solanin, weshalb Kartoffeln und Kartoffelprodukte nicht zu häufig auf dem Speiseplan stehen sollten. Soja enthält eine Reihe pflanzlicher Abwehrstoffe, während Lupine hochallergen sind, was beides für eine gesundheitsbewusste Ernährung absolut ungeeignet macht.

Empfohlen werden drei Hauptmahlzeiten und zwei Zwischenmahlzeiten. Dazwischen sollte nicht gegessen werden.

Fünf protein- und meist fettarme tägliche Mahlzeiten sorgen für einen konstant hohen Insulinspiegel, was auf lange Sicht eine außerordentliche Belastung für den Stoffwechsel darstellt. Fastenphasen sind nicht eingeplant, das Verdauungssystem kommt nie zur Ruhe.

Auch finden Faktoren wie Hunger oder Appetit bei dieser Empfehlung keine Berücksichtigung. Hunger und Appetit sind aber wichtige Indikatoren für unseren Nährstoffbedarf. Nicht zu essen, wenn man hungrig ist oder Appetit verspürt, ist ebenso ungünstig wie zu essen, wenn man nicht hungrig ist oder keinen Appetit verspürt. Beide Körpersignale werden von unserem enterischen Nervensystem gesteuert und bilden die wichtigste Grundlage der humankompetenten Ernährung.

Die Mahlzeiten sollten mild gewürzt, auf Salz möglichst ganz verzichtet werden. Essig oder Senf sollten ebenfalls gemieden werden.

Die Empfehlung, den Salzkonsum auf ein Minimum zu beschränken, birgt Risiken. Salz ist lebensnotwendig, es reguliert den Wasserhaushalt und ist wichtiger Bestandteil des Nervensystems. Die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin, Renin und Aldosteron steigen unter salzarmer Ernährung statistisch signifikant an. Verschärft wird das durch zwei Faktoren: die Vermeidung von salzhaltigen Fertigprodukten und die empfohlene Trinkmenge. Darüber hinaus gibt es keinen ernährungsphysiologischen Grund, auf scharfe oder kräftige Gewürze und Kräuter zu verzichten. Im Gegenteil haben viele Würzpflanzen einen hohen gesundheitlichen Wert.

Bei der basischen Ernährung soll möglichst viel getrunken werden, mindestens zwei bis drei Liter am Tag.

Ein gefährlicher Rat: Viel trinken bei salzarmer Ernährung ist gesundheitsgefährdend und kann schlimmstenfalls tödlich sein. Salz erfüllt in unserem Körper eine wichtige Aufgabe: Es bindet die aufgenommene überschüssige Flüssigkeit, um sie über den Urin auszuscheiden. Fehlt das Salz, sammelt sich das Wasser vor allem in Gehirn und Lunge, die Folge sind lebensbedrohliche Ödeme.

Bei einer basischen Ernährung ist der Wasseranteil der zugeführten Nahrungsmittel um einiges höher als bei einer ausgewogenen Mischkost. Wasserhaltiges Gemüse und Obst sowie Brühen liefern bereits eine Menge Flüssigkeit. Wird nun bei salzarmer Kost die Trinkmenge zusätzlich erhöht, steigt die Gefahr an einer gefährlichen Hyperhydration zu erkranken. Zwei bis drei Liter pro Tag sind definitv zu viel, außer es wird übermäßig geschwitzt, zum Beispiel beim Sport, in der Sauna oder an besonders heißen Sommertagen. Hier sollte auf eine ausreichende Salzzufuhr geachtet werden, um das aufgenommene Wasser entsprechende ausscheiden zu können.

Entgegen der landläufigen Meinung ist es nicht wichtig, viel zu trinken, sondern ausreichend zu trinken. Ein sicherer Indikator ist hierfür ein weiteres Mal der Geschmack. Durst und Appetit sagen uns zuverlässig, ob wir Flüssigkeit benötigen oder mehr Salz. Eine künstliche Regulation dieser beiden Stoffe ist unnötig und kann sogar gefährlich sein.

Das “Entsäuern” soll mit Kuren und Anwendungen wie basische Bäder, Fußbäder oder Wickel mit Basenpulver, der Einnahme von Basenpulver, Glaubersalz oder Bittersalz und Citrat, Einläufen oder der sogenannten Colon-Hydro-Therapie unterstützt werden.

Nahrungsergänzungsmittel wie Basenpulver haben einen entscheidenden Nachteil: sie sind für den Anwender in ihrer Wirkung schwer einzuschätzen. Für diese Nahrungsergänzungsmittel gibt es keine Zulassungspflicht und keine Grenzwerte für Höchstmengen der Inhaltsstoffe und keine allgemeingültige Dosierempfehlung. Lediglich Stichproben der Lebensmittelüberwachung werden durchgeführt, die Empfehlungen des Bundesinstituts für Risikobewertung finden darin jedoch keine Berücksichtigung.

Die innere Anwendung von Basenpräparaten birgt die Gefahr der Überdosierung. Eine Supplementierung von Mineralstoffen und Spurenelementen sollte ausschließlich von einer regelmäßigen Kontrolle der Blutwerte begleitet, durchgeführt werden. Eine gesteigerte Anfälligkeit für bakterielle Infektionen kann zum Beispiel die Folge einer Überdosierung von Eisen sein.

Die äußere Anwendung in Form von Bädern und Wickeln sind zwar im Hinblick auf den pH-Wert der Zellflüssigkeit wirkungslos, aber durchaus angenehm und richten keinen Schaden an.

Auch die Einnahme von Citrat-Präparaten sollte nur in Zusammenarbeit mit medizinisch oder therapeutisch geschulten Fachpersonen durchgeführt werden. Diese Präparate werden industriell mit Hilfe einer transgenen Variante des Schimmelpilzes Aspergillus niger gewonnen. Sein Citratzyklus wird gestört, in dem ihm bei niedrigen pH-Werten und unter Eisenmangel hochdosiert Glucose und Sauerstoff zugeführt wird. Das führt dazu, dass er während und nach der späten logarithmischen Wachstumsphase Citrat ausscheidet. Bei bekannten Allergien und Kreuzallergien auf diesem Pilz kann es bei der Einnahme von diesen Präparaten zu allergischen Reaktionen kommen.

Leberentgiftungen mit Bittersalz und säurehaltigen Fruchtsäften sind ausdrücklich nicht zu empfehlen. Die Anwendung dieser Methode ist oft mit Bauchschmerzen und Durchfall verbunden. Von den Befürwortern ist diese Reaktion durchaus gewünscht. Aus fachlicher Sicht sind Schmerzen jedoch immer als Warnsignal zu deuten. Diese Beschwerden könne sich zu Koliken bis hin zur biliären Pankreatitis steigern, die dann einen chirurgischen Eingriff nach sich zieht.

Besonders gefährlich sind Anwendungen wie Einläufe oder die sogenannte Colon-Hydro-Therapie. Hier wird Wasser oder andere Substanzen wie Kaffee über das Rektum in den Darm eingebracht, was bei falscher Anwendung zu schweren Komplikationen wie Verletzung der Darmwand, Krämpfe, Verätzungen und Verbrennungen führen kann. Selbst wenn ein Einlauf gut vertragen wird, kann er zu einer massiven Elektrolytverschiebung mit schwerwiegenden Folgen führen.

Weiter stört jegliches Einbringen von nicht körpereigenen Substanzen die empfindliche Darmflora. Deshalb sollten Einläufe niemals ohne medizinische Indikation durchgeführt werden. Auch hier ist Nutzen gegen Risiko sorgfältig abzuwägen.

Bei häufiger Anwendung von Einläufen – bei der Colon-Hydro-Therapie sind bis zu zehn Anwendungen in relativ kurzem Zeitrahmen vorgesehen – kommt es zu einer eingeschränkten Peristalitk des Darms so wie zur Schließmuskelschwäche. Nimmt man dem Darm wiederholt seine Bewegungstätigkeit ab, stellt er diese Funktion infolgedessen völlig ein, was eine entsprechende Behandlung erforderlich macht.

Bei einer basischen Ernährung sollen viermal so viele Basenspender wie Säurebildner gegessen und getrunken werden, um das natürliche Verhältnis der Säuren und Basen im Körper im Gleichgewicht zu halten.

Wieso das natürliche Gleichgewicht des Säure-Basen-Haushaltes unserer Zellen und des Bluts nicht durch die Nahrungsaufnahmen beeinflusst werden kann, habe ich weiter oben bereits ausführlich erläutert.

Auch ist nicht klar, welche Nahrungsmittel tatsächlich zu den Basenspender und Säurebildnern gehören. Die Angaben hierzu weichen stark voneinander ab. Allein die Empfehlung, viermal so viele Basenspender wie Säurebildner zu sich zu nehmen führt zu einer einseitigen, protein- und fettarmen Ernährung, die an die Empfehlungen einer “ausgewogenen” Ernährung mit einem unverhältnismäßig erhöhten Anteil an Kohlenhydraten erinnert.

Seven up and down: Was ist der Säure-Basen-Haushalt – Seite 1
Seven up and down: Stör mir nicht mein Gleichgewicht! – Seite 2
Seven up and down: Übersäuerung und basische Ernährung – Seite 3
Seven up and down: Basische Ernährung unter der Lupe – Seite 4
Seven up and down: Unser Fazit! – Seite 5


5 Kommentare zu „Top oder Flop – Seven Up and down

  1. Ab und zu heißt es ja von Verfechtern der basischen Ernährung, dass diese notwendig sei, um den Körper davor zu schützen, dass er seine Kalziumvorräte in den Knochen erschöpft (Osteoporose), um den Blut-pH-Wert konstant zu halten. In dem Review hier wird ja gut erklärt, warum das nicht so ist.
    „The dietary acid load hypothesis also postulates that increasing the urinary excretion of phosphate, considered as an ‘acidic’ ion, enhances UCa and contributes to the loss and fragility of bones with ageing( 59 , 88 , 89 ). In sharp contrast with this hypothesis but in full agreement with physiological notions on the phosphate–Ca interaction( 90 ), analysis of twelve human studies indicated that higher phosphate intakes were associated with decreased UCa and improved Ca balance( 91 ).“

    Hier auf Seite 20:
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3828631/#!po=57.3529

    Ehrlich gesagt verstehe ich noch nicht, wie die Säure-Basen-Spezis darauf kommen, also welches Missverständnis dieser Auffassung zugrunde liegt. Ihr?

    1. Update: Wenn ich das richtig verstanden habe in dem von mir verlinkten Artikel, geht das auf eine Reihe von Versuchen an nierenkranken Patienten zurück.

      Die haben bei nierenkranken Patienten eine Azidose hervorgerufen und dann festgestellt, dass die Kalziumausscheidung über den Urin stark ansteigt. Daraus haben sie dann geschlossen, dass die Niere über diesen Weg Kalzium entsorgt, das aus den Knochen kommt (bzw. das der Körper aus den Knochen gelöst hat, um die Säure zu neutralisieren). Später stellte sich dann raus, dass es andersrum ist und dass die erhöhte Kalziumausscheidung die Tatsache kompensiert, dass aufgrund der Azidose die Wiederaufnahme von Kalzium über die Nieren gehemmt war. Dieser Verlust von Kalzium wurde dann bei diesen nierenkranken Patienten wahrscheinlich auch teilweise durch die Demineralisierung von Knochen ausgeglichen. (im Folgenden wird von den Verfassern glaube ich die Schlussfolgerung gezogen, dass letzteres nur bei schwer nierenkranken Patienten passiert und dass bei gesunden Menschen in Wirklichkeit eine solche Demineralisierung nicht stattfindet… aber vielleicht wisst ihr ja dazu noch mehr.)

  2. Danke für dein Feedback 🙂 Ja, bei einem so komplexen Thema kommt man schnell vom Hundertsten ins Tausendste, wir mussten einiges Kürzen. Mir war vor allem wichtig, auf kritischen Aspekte der „basischen Ernährung“ einzugehen und den in letzter Zeit etwas inflationär verwendeten Begriff des Säure-Basen-Haushaltes wissenschaftlich zu beleuchten. Welche Aspekte haben dir gefehlt? Vielleicht kann da ein ganz eigener Artikel daraus werden.

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