Veröffentlicht in Alternativen zum Hausarztwissen, Bio, Chemie & Wissenschaft

Top oder Flop – Seven Up and down

Übersäuerung und basische Ernährung

Wie wir in Teil 1 und 2 gelesen haben, beruht der Säure-Basen-Haushalt also auf verschiedenen, hochkomplexen biochemischen Vorgängen, die eng verknüpft sind mit Stoffwechsel und Atmungskette. Werden diese Vorgänge gestört, zieht es lebensbedrohliche Zustände nach sich, die weit über ein Unwohlsein oder “übersäuertes Gefühl” hinausgehen.

Die Hersteller von basischen Nahrungsergänzungsmitteln wissen das und benutzen deshalb den Begriff der “latenten Azidose” um die “ernährungsbedingte Übersäuerung” von der lebensbedrohlichen echten Azidose entsprechend abzugrenzen. Dennoch ist “latente Azidose” kein medizinischer Begriff, auch wenn er danach klingen soll. Ein klinisches Bild liegt nicht vor; das macht es einfach, eine ganze Reihe von Beschwerden und Symptomen dieser diffusen Bezeichnung zuzuordnen und auch in manchen Bereichen der Naturheilkunde und Alternativmedizin, wird das Symptombild verschiedener Beschwerden unter der Bezeichnung “chronische Übersäuerung” oder “latente Azidose” zusammengefasst:

Mundgeruch, Haarausfall, brüchige Nägel, Schuppen, Hautprobleme, Kopfschmerzen, Verspannungen, Müdigkeit & Schlafprobleme, Übersäuerung des Magens, Sodbrennen, Hautekzeme & Akne, Brennen beim Stuhlgang, Verstopfung bzw. Magendrücken, Rückenschmerzen, Ständiges Völlegefühl, Allergien, Rheuma, Gicht, Arthrose, schlechte Blutwerte (Cholesterin, Arterienverkalkung, erhöhte Zuckerwerte), Gewichtszunahme (Bierbauch, Reiterhosen, dicke Beine), Cellulitis, Migräne und Depressionen

Nahezu alle Menschen können mindestens drei dieser Symptome bei sich entdecken und haben den Wunsch, ihr Wohlbefinden zu verbessern. Da ist es nur verständlich, dass es für viele verlockend erscheint, all diese Fliegen mit nur einer Klappe zu schlagen.

Und es ist auch korrekt, dass sehr viele dieser Beschwerden ernährungsbedingt sein können und durch eine Ernährungsumstellung gelindert oder behoben werden können. Das ist der Grund, wieso die basische Ernährung auf manche Personen einen durchaus positiven Effekt hat. Für die meisten jedoch werden sich viele der oben genannten Probleme erst durch diese Ernährungsform ihren Höhepunkt erreichen. Im nachfolgenden Teil möchte ich erklären wieso das so ist:

Anhänger dieser These gehen davon aus, dass es sich hier um einen ernährungsbedingten Zustand handelt, bei dem Säuren im Körper nicht mehr neutralisiert werden können und sich dauerhaft im Bindegewebe ablagern sollen. Diese Ablagerungen werden als “Schlacken” bezeichnet.

Nach dieser Theorie werden Nahrungsmittel in drei Gruppen aufgeteilt:

Säurebildner neutrale Lebensmittel basische Lebensmittel
Kaffee, geschälte und polierte Getreide, polierter Reis, Käse, Quark, Ei (Eiklar); Schafsmilch, Ziegenmilch, Molke und Buttermilch, Fleisch, Geflügel, Wild, Wurst, Speck, Innereien, wie Leber, Nieren, Hirn, Hülsenfrüchte, Getreide & Pseudogetreide Ei, Butter, Hülsenfrüchte, Getreide & Pseudogetreide, Hirse, Naturreis, Leitungswasser, naturbelassene Fette und Öle (zB Sonnenblumenöl), Butter, frische Walnüsse und weißer Zucker Mineralwasser ohne Kohlensäure, Bier, Espresso, ungesüßte Obst- und Gemüsesäfte; Ei (Eigelb), Schwarzwurzeln, Äpfel, Johannisbeeren, Erdbeeren, Zitronen, (Schafsmilch, Ziegenmilch, Molke und Buttermilch); Bananen, Trockenfrüchte, Kartoffeln, Hülsenfrüchte, Getreide, Pseudogetreide, Soja-Produkte

Manche Lebensmittel wie Hülsenfrüchte, Getreide, Milchprodukte oder Bier habe ich sowohl in Tabellen für säurebildende als auch basische Nahrungsmittel gefunden, deshalb sind diese Lebensmittel in mehreren Spalten vertreten. Außerdem wird von der Annahme ausgegangen, “je roher, gemüsiger, grüner und fruchtiger desto basischer, je gekochter, käsiger, fleischiger, süßer desto säuernder.”, was ebenso im Gegensatz zu den Angaben vieler dieser Listen steht. Alles in allem wirkt die Einteilung sehr willkürlich. Das liegt daran, dass keine validierbaren Messwerte über die Wirkung der Nahrungsmittel auf den pH-Wert des Körpers existieren. Das macht Tabellen und Empfehlungen entsprechend ungenau.

Wie wir bereits weiter oben im Artikel jedoch erläutert haben, kann das Gleichgewicht von Säuren und Basen nicht durch die Ernährung beeinflusst werden und das ist auch gut so, denn hätte eine proteinreiche Mahlzeit tatsächlich einen Einfluss auf den pH-Wert von Blut und Zellen, wären die Folgen fatal. Und dennoch gilt eine basische Ernährung durchaus als gesundheitsbewusst. Aber ist das auch so?

Seven up and down: Was ist der Säure-Basen-Haushalt –  Seite 1
Seven up and down: Stör mir nicht mein Gleichgewicht! – Seite 2
Seven up and down: Übersäuerung und basische Ernährung – Seite 3
Seven up and down: Basische Ernährung unter der Lupe – Seite 4
Seven up and down: Unser Fazit! – Seite 5


5 Kommentare zu „Top oder Flop – Seven Up and down

  1. Ab und zu heißt es ja von Verfechtern der basischen Ernährung, dass diese notwendig sei, um den Körper davor zu schützen, dass er seine Kalziumvorräte in den Knochen erschöpft (Osteoporose), um den Blut-pH-Wert konstant zu halten. In dem Review hier wird ja gut erklärt, warum das nicht so ist.
    „The dietary acid load hypothesis also postulates that increasing the urinary excretion of phosphate, considered as an ‘acidic’ ion, enhances UCa and contributes to the loss and fragility of bones with ageing( 59 , 88 , 89 ). In sharp contrast with this hypothesis but in full agreement with physiological notions on the phosphate–Ca interaction( 90 ), analysis of twelve human studies indicated that higher phosphate intakes were associated with decreased UCa and improved Ca balance( 91 ).“

    Hier auf Seite 20:
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3828631/#!po=57.3529

    Ehrlich gesagt verstehe ich noch nicht, wie die Säure-Basen-Spezis darauf kommen, also welches Missverständnis dieser Auffassung zugrunde liegt. Ihr?

    1. Update: Wenn ich das richtig verstanden habe in dem von mir verlinkten Artikel, geht das auf eine Reihe von Versuchen an nierenkranken Patienten zurück.

      Die haben bei nierenkranken Patienten eine Azidose hervorgerufen und dann festgestellt, dass die Kalziumausscheidung über den Urin stark ansteigt. Daraus haben sie dann geschlossen, dass die Niere über diesen Weg Kalzium entsorgt, das aus den Knochen kommt (bzw. das der Körper aus den Knochen gelöst hat, um die Säure zu neutralisieren). Später stellte sich dann raus, dass es andersrum ist und dass die erhöhte Kalziumausscheidung die Tatsache kompensiert, dass aufgrund der Azidose die Wiederaufnahme von Kalzium über die Nieren gehemmt war. Dieser Verlust von Kalzium wurde dann bei diesen nierenkranken Patienten wahrscheinlich auch teilweise durch die Demineralisierung von Knochen ausgeglichen. (im Folgenden wird von den Verfassern glaube ich die Schlussfolgerung gezogen, dass letzteres nur bei schwer nierenkranken Patienten passiert und dass bei gesunden Menschen in Wirklichkeit eine solche Demineralisierung nicht stattfindet… aber vielleicht wisst ihr ja dazu noch mehr.)

  2. Danke für dein Feedback 🙂 Ja, bei einem so komplexen Thema kommt man schnell vom Hundertsten ins Tausendste, wir mussten einiges Kürzen. Mir war vor allem wichtig, auf kritischen Aspekte der „basischen Ernährung“ einzugehen und den in letzter Zeit etwas inflationär verwendeten Begriff des Säure-Basen-Haushaltes wissenschaftlich zu beleuchten. Welche Aspekte haben dir gefehlt? Vielleicht kann da ein ganz eigener Artikel daraus werden.

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